Probleme der Nutzungsfindung im venezianischen Palastbau

 
Markuslöwe

Einige Bemerkungen zu Hotelkonversionen

Der touristische Ausverkauf Venedigs, der im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts seinen Anfang nahm, galoppiert seit der Jahrtausendwende. Anfang August 2002 hat die Stadtverwaltung Venedig beschlossen, drei Gebäude, die bis dahin noch in ihrem Besitz waren, zu verkaufen. Der Verkauf dieser Gebäude, die Palazzi Nani und Zaguri), verzögerte sich zwar, ist aber derzeit wieder sehr aktuell. Die Bauten werden wohl in naher Zukunft, genauso wie der bekannte Palazzo Sagredo, in Hotels umgewandelt werden, mit allen Konsequenzen für den noch erhaltenen internen Dekorationsapparat wie auch die Tragwerke, die mit der Installation von Bädern oder Klimaanlagen verbunden sind.

Beim Fondaco dei Tedeschi wurde 2002 eine Hotelkonversion durch die Denkmalpflege (Soprintendenza per i beni architettonici e per il paesaggio) verhindert. Noch im selben Jahr meinte der damalige Bürgermeister Costa, daß es in der Stadt "zu viele Betten" gäbe. Praktische Auswirkungen hatte diese späte Erkenntnis allerdings nicht - in Costas Amtszeit fallen die meisten Hotelkonversionen überhaupt. Ob sein seit Mai 2005 amtierender Nachfolger Massimo Cacciari, Philosoph und Hasser des Massentourismus, diese Entwicklung durch planerische Mittel wenigstens eindämmen wird, wird sich zeigen müssen.

Der Massentourismus fordert auch in anderen Branchen seinen Tribut. Handel und Dienstleistungen, die den touristischen Mainstream bedienen, verdrängen die überkommenen, oftmals auf die Kennerschaft ihrer Kundschaft angewiesenen Strukturen und Angebote. Mit der Schließung des weltbekannten Stoffabrikanten "Jesurum" Ende Oktober 2004 muß Venedig einen besonders schweren Verlust seines kulturellen Erbes hinnehmen.

Der aktuelle Stand zur Entwicklung der Herbergen in der Stadt ist tatsächlich bedrückend: Venedig entwickelt sich bereits sichtbar zu einem touristischen Disneyland, in dem man bald über den Canal Grande von einem Hotel zum anderen schauen können wird.

Der aktuelle Stand der Hotelkonversionen (Dezember 2005)

Am Campo Santa Maria Formosa entstanden und entstehen neben dem bereits bestehenden Hotel Concordia innerhalb weniger Jahre vier neue Hotels: Palazzo Priuli Ruzzini Loredan, Palazzo Vitturi (partiell), Palazzo Malipiero (partiell; erfolgt), Locanda Ca'Formosa. Die Zahl der Hotels steigt damit auf diesem bedeutenden Platz auf 5. Innerhalb kurzer Zeit hat der Platz seinen Charakter stark verändert.

Canal Grande: Zwei Bauten des 19./20. Jh. bei S. Angelo wurden umgebaut
Campo Santa Sofia (nahe Vaporetto-Haltestelle Ca'd'Oro): Palazzetto Foscari a S. Sofia (ehemaliges deutsches Honorarkonsulat; mittlerweile beendet) und Palazzo Sagredo. Bei letzterem ist seit 2003 eine Bautafel angebracht, Bauarbeiten am Äußeren finden noch nicht statt. Bisweilen stehen bei Arbeiten im Inneren die Fenster im piano nobile mit seinen vorzüglich erhaltenen stuckierten Decken des 18. Jahrhunderts offen; im ersten Stock hingegen werden nicht einmal grundlegende Sicherungsmaßnahmen wie das Ausbessern von beschädigter Bleiverglasung vorgenommen
Santa Fosca: Palazzo Vendramin a Santa Fosca: Der piano nobile dieses bedeutenden Renaissancepalasts stand ab Ende 2002 zum Verkauf. Am 23.12.2003 genehmigte die venezianische Denkmalpflege den Umbau zu einem Hotel. Nachdem die Fassade bis Anfang 2005 vollständig eingerüstet war, steht sie nunmehr in leidlichem Neuverputz da. Das angewitterte, bedeutende Portal der Lombardi-Schule erfuhr hingegen keine konservatorischen Maßnahmen.

Weitere Kürzlich erfolgte Konversionen: Ca' Amadi, Palazzo Bembo (partiell; letzter Stock), Palazzo Contarini dalla porta di Ferro, Palazzo Duodo a S. Fantin, Palazzo Duodo a S. Anzolo (partiell), Palazzo Falier ai SS. Apostoli, Palazzo Priuli Stazio, Palazzo Priuli a S. Severo (partiell), Palazzo Rizzi Patarol alla Madonna dell'Orto, Palazzo Zorzi Liassidi, Palazzetto N.N. sul Canale di Cannaregio (Cannaregio 923)

Pal. Foscari a S. Sofia
ex. Palazzetto Foscari a S. Sofia, August 2003

weitere ausstehende Konversionen: Palazzo Orio Semitecolo (laut Bautafel, die aber inzwischen geändert ist)
April 2005: Demnächst Umbau der Ca' da Mosto, die bereits früher als "Albergo Leon Bianco" diente.
Umbau des Palazzo Benedetti a S. Sofia

historischer Hotelbestand in palazzi bis zum Jahre 2000: Palazzo Gabrielli, Palazzo Dandolo Gritti Bernardo Mocenigo (Hotel Danieli Excelsior), Palazzo Gritti Pisani (Gritti Palace), Ca' Favretto a S. Cassian, Palazzo Badoer Tiepolo

Nicht mehr bestehende Hotels in Palästen: Palazzo Barbarigo della Terrazza (Mezzanin), Palazzi Loredan und Farsetti, Palazzo Flangini Fini a S. Maria del Giglio, Palazzo Grassi

Auffällig an der Liste ist die Verteilung nach Sestieri. Es dominieren San Marco und Castello mit günstiger Lage in der Nähe zur Rialtobrücke und zum Markusplatz. Neben der entstehenden Monostruktur mit weitgehend geringqualifizierten Arbeitsplätzen ist ein weiterer mittelbarer Schaden denkmalpflegerischer und urbanistischer Natur: Ist die Konversion einmal erfolgt, kann man dem Unternehmen Folgeeingriffe kaum noch verwehren. Rein ökonomische Faktoren werden dominant, notwendige Renovierungen können nur noch auf Kosten der Substanz gehen. Diese wird ersetzt durch pseudohistorisches Material, meist à la "Settecento Veneziano". Freilich sucht sich die Tourismusindustrie auch nur die besten Stücke aus - wie den Pal. Sagredo - und nicht etwa die Gebäude, die bereits im Inneren entstellt sind. Hinzu kommt, daß die Rolle der italienischen Denkmalpflege im Entscheidungsprozeß durch gesetzliche Neuregelungen massiv zurückgedrängt worden ist. Wohin hohe denkmalpflegerische Auflagen führen können, hat die "Warmsanierung" des Molino Stucky Hilton im Jahre 2003 gezeigt.

Die Nutzungsfrage

Noch immer ist die beste Nutzung die ursprüngliche Nutzung. Dies wird an den wenigen verbliebenen Gebäuden deutlich, die noch in Familienbesitz sind und deren Erhalt von den jeweiligen Erben als Verpflichtung angesehen wird: Albrizzi, Balbi-Valier Sammartini, Barbaro Curtis, Bernardo di Canal, Contarini Polignac Decazes, Donà dalle Rose, Giustiniani Recanati (Zattere), Giustiniani Brandolini d'Adda, Maffetti Tiepolo, Moro Marcello, Muti Baglioni da Mosto, Pisani-Moretta, Soranzo van Axel, Soranzo, Treves, Volpi. Analog der frühreren Verwendung sind in der Regel alle anderen Stockwerke außer dem piano nobile vermietet und unterteilt (insbesondere bei Pal. Muti Baglioni da Mosto, Soranzo), zumal sich derartige Gebäude andernfalls wirtschaftlich nur schwer halten lassen. Damit ist auch die soziale Struktur des Gebäudes eine authentische. Sie ist oftmals in der Hierarchie von Portalen ablesbar.

Im Gegensatz zu Hotelnutzungen sind Ferienwohnungen verträglicher, da sie der "natürlichen" Wohnnutzung am nähesten kommen. Sie sind vergleichbar mit condomini, also die Aufteilung des Gebäudes (und in der Regel der Geschosse selbst) in mehrere Wohneinheiten. Sind umfangreiche Innendekorationen wie beim Palazzo Sagredo erhalten, kommt an sich nur eine museale Nutzung, eine gut gewählte Nutzung aus dem tertiären Sektor oder eine großzügige Aufteilung in hochwertige Wohnungen in Frage. Die eventuelle Unterteilung eines solchen piano nobile selbst ist stark vom Grundriß abhängig und bedarf der Einzelfallprüfung. Der Palazzo Celsi a S. Ternita, der im Inneren noch etwas Settecento-Charme besitzt und vor einigen Jahren von einem Bauträger erfolgreich aufgeteilt wurde, ist ein m.E. gelungenes Beispiel. Eine ordentliche Dokumentation dieser Maßnahme ist von Zucchetta vorgelegt worden.


Literatur

Pietrogrande, Enrico; Zucchetta, Emanuela: Palazzo Celsi a Venezia. Storia e recupero di una casa patrizia, Milano 2000.

Verweise

Se la laguna si trasforma ... — externer Artikel zum Thema (italienisch)
Hotels in Venedig


 
© 1999-2006 Jan-Christoph Rößler

Jan-Christoph Rößler